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V O R W O R T
V o n R a i n e r F r o m m |
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“Die Neonazis sind die Lüge meines Lebens, die mich
die besten Jahre und die halbe Jugend an Knast gekostet haben. Heute sage
ich ohne Bitterkeit, ich bin darüber hinweg und kann damit leben.” |
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Das ist das Resümee von Stefan Michael Bar, dessen
Terrorpublikationen über Jahre deutsche Innenbehörden und die
Presse außer Atem hielten. Bar war einer der militantesten deutschen
Neonazis, den Ermittlern galt er als “tickende Zeitbombe”. Wie kein anderer
in der Szene versuchte er, in seinen Publikationen eine braune RAF zu installieren.
Sein Motto: “Wir müssen aufhören zu weinen und anfangen zu kämpfen.”
Nicht wenige Beobachter des antifaschistischen Spektrums staunten, als
in Bars Schriften Ulrike Meinhofs “Konzept Stadtguerilla” die ewiggestrigen
Durchhalteparolen verstaubter Altnazis ablöste: “Laßt die Herrschenden
spüren, wir sind bereit, sie wie auch immer zu beseitigen und für
ihr Tun zu bestrafen. Alle sind angreifbar! Überall und an jedem Ort.”
(Reichsruf Nr. 7, S. 4) An anderer Stelle steht: “Wir sind im Krieg mit
dem System und somit auch mit allen seinen Dienern, Erhaltern und Beamten.”
(a.a.O., S. 8) |
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In anderen Ausgaben von Bars Publikationen wurde hemmungsloser
Antisemitismus propagiert. Unter der Losung “Demokraten und Zionisten,
die sich über Präsente und ein Feuerwerk freuen würden”
veröffentlichte er die Adressen jüdischer Gemeinden, jüdischer
Schulen, eines jüdischen Altersheims und selbst eines jüdischen
Krankenhauses mit voller Adresse. (Reichsruf Nr. 4, S. 9). In der Terrorbroschüre
Der Wehrwolf werden gleich seitenweise demokratische Politiker, jüdische
Einrichtungen, Adressen von Mitgliedern und Büros der Vereinigung
der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN) bis hin zu detaillierten Anschriften
von Staatsanwälten und anderen Juristen offen gelegt (Wehrwolf, II.
Auflage, S. 3-18). Eine neue Qualität menschenverachtender Hetze.
Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel diagnostiziert: “Die Neonazis rüsten
zum Angriff”, der Tagesspiegel fragt: “Schlagen Rechtsextreme bald los”,
und der SPD-nahe Pressedienst Blick nach rechts warnt vor einem “Aufruf
zum Terror”. |
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Für Stefan Michael Bar waren seine Drohungen nicht
nur braune Kraftmeierei. Von 1997 bis 1999 saß er selbst wegen mehrerer
rechtsextremer Straftaten im Gefängnis. Unter anderem hatte er jüdische
Friedhöfe verwüstet und einen Mitarbeiter der jüdischen
Gemeinde in Mannheim bedroht. Im Wald übte er mit Gleichgesinnten
den Bürgerkrieg gegen die verhasste Demokratie. Im ZDF-Magazin Frontal
21 erklärt er zwei Jahre nach seiner Haftentlassung einem Millionenpublikum:
“Ich habe mich verstanden wie ein christlicher Missionar, die wollten ja
auch für ihren Jesus leiden, für das Christentum. Genauso habe
ich mich verstanden. Ich wollte für den Nationalsozialismus leiden.
Adolf Hitler war mein Gott.” Und ausgerechnet dieser tiefgläubige
Jünger des Nationalsozialismus schafft den Absprung aus der Szene
– nach fast zehn Jahren. Zu seinen ersten Stationen gehörte die inzwischen
verbotene “Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei” (FAP). Kurze Zeit später
knüpfte er Kontakte zur damals bereits verbotenen “Nationalistischen
Front” und zum Holocaust-Leugner Thies Christophersen. Am 20. Juli 1995
erfolgt seine Aufnahme in die “Hilfsgemeinschaft für nationale politische
Gefangene und deren Angehörige e.V.”. 1996 gründet Bar mit Gesinnungsfreunden
die “Nationale Volksfront – Kameradschaft Neustadt” und leitet die Gruppe.
Zur Aktivität der Neonazi-Organisation gehört das Verteilen der
antisemitischen Publikation Reichsruf – Stimme der NS-Bewegung Saar-Pfalz.
Die rechtsextremistische Agitation bringt Bar schließlich ins Gefängnis.
Zu jeder Zeit war Bar eng eingebunden in das Netzwerk des verstorbenen
Neonazis Michael Kühnen und hielt enge Kontakte zu dessen früheren
Stellvertreter Thomas Brehl und dem niederländischen Neonazi-Führer
Eite Homann. |
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In der vorliegenden Biographie erklärt Stefan Michael
Bar, wie die rechtsextremistische Szene rekrutiert, was Ein- und Ausstiegsmotive
in einer Gewaltkarriere begünstigt. Deutlich wird, wie sehr neonazistische
Strukturen den klassischen Jugendsekten ähneln, wenn auch im Falle
Bars mit einem viel brutaleren ideologischen Überbau. Parallelen sind
die Merkmale des “Rettenden Rezeptes”, das “sowohl die Probleme des einzelnen,
als die der gesamten menschlichen Gemeinschaft zu lösen vermöge”
(vgl. Friedrich-Wilhelm Haack: Europas neue Religionen, Freiburg 1993,
S. 79). Und auch das zweite Sektenkennzeichen, die “Gerettete Familie”,
ist rechtsaußen Alltag, ebenso Indikator drei, “die Person des ‚Heiligen
Meisters’” (Haack, a.a.O., S. 79), findet sich in den Neonazi-Strukturen.
Der aggressive Fanatismus und die soziale Isolation innerhalb der Kameradschaftsstrukturen
dokumentieren, dass Neonazis ähnlich den verblendeten Sektenjüngern
nicht selten “wesentliche Lebensentscheidungen” den Anforderungen der Gruppe
und deren “Führern” unterstellen. Nicht umsonst schrieb das Idol Bars,
der Neonaziführer Michael Kühnen, in seinem “Politischen Lexikon
der Neuen Front” zum Lebensentwurf des “Soldaten” in seiner sogenannten
Bewegung: “Als Soldat dient er der Volksgemeinschaft mit seiner kämpferischen
Lebenshaltung, die Einsatz und Opfer des eigenen Lebens selbstverständlich
mit einschließt. Eingebunden in Disziplin, Befehl und Gehorsam ist
der Soldat der Schwertarm der nationalsozialistischen Revolution.” (Kühnen
1987, S. 250) Der Lebenslauf Bars dokumentiert, wie schnell derlei
behäbige Phraseologie zum Lebensinhalt eines jungen Menschen werden
kann. Die Beschaffung einer scharfen Maschinenpistole, Mordtraining. Zahlreiche
Jahre hinter Gittern sind der Beleg für die bedingungslose Unterordnung,
an deren Ende die Selbstaufgabe vieler junger Neonazis als autonomes Individuum
steht. Passend resümiert Bar im ZDF nach seinem Ausstieg: “Ein Stück
kommt es mir so vor, als ob ich ins Feuer geschickt wurde, und ich bin
wirklich gehobenen Armes – wollte ich und bin ich – ins Feuer gelaufen.”
Ein Ergebnis von Irrationalismen, die sich im sektiererischen Umfeld wie
auch in der politischen Lebenswelt junger Rechtsextremisten wiederfinden: |
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| “Erlebnis, Fühlen Glauben |
gegen |
Geist, Intellekt, Denken |
| Seele |
gegen |
Verstand |
| Mythos |
gegen |
Logos |
| Emotionaler Willen |
gegen |
überlegtes Handeln |
| Mythische Nation |
gegen |
Demokratie.” |
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(vgl. Thomas Ewald: Esoterik – eine historische Betrachtung,
in: Schriftenreihe der Landeszentrale für politische Bildung Hessen,
Heft 20, Wiesbaden 1996, S. 10). Die Macht dieser Irrationalismen auf junge
Nazis wird in Bars Biographie erstmals in einem Aussteigerbuch auch Außenstehenden
transparent gemacht. Er beschreibt, wie er von der “braunen Welt völlig
vereinnahmt” wurde. “Die einfachsten Dinge, selbst menschliches Miteinander,
wurden ihr unterworfen. Ein ‘Hallo’ oder ‘Guten Tag’ gab es fortan nicht
mehr, untereinander wurde mit einem strammen ‘Sieg Heil’ gegrüßt.”
Weiter erklärt Bar: “Der Nationalsozialismus war meine Religion, Adolf
Hitler mein Gott. Alles drehte sich nur noch hierum, wie eine Spinne hatte
mich die ‘Bewegung’ gepackt und mich in ihr Netz gezogen, nicht im geringsten
hatte ich mich dagegen gewehrt. Es schien, als habe ich mein Seelenheil
gefunden.” |
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Aus erster Hand informiert Bar aber auch über “falsche
Mythen” und “Maulheldentum”, das zum Teil völlig unreflektiert über
schlecht recherchierte Presseberichte Einzug in die deutsche Öffentlichkeit
fand. Die allseits mystifizierte NSDAPAufbauorganisation (NSDAP/AO) des
Amerikaners Gary Lauck degradiert Bar zum braunen Trödelladen: “Aber
hier geht es um nichts als Geld, Lauck versteht es einfach, NS-Schrott
wie Fahnen, Armbinden und Literatur zu vermarkten, und ist allenfalls ein
rechter Geschäftemacher.” |
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Bars Buch entmythologisiert Mitglieder der deutschen neonazistischen
Führungselite als “Großmäuler, Hosenscheißer und
Abzocker” – aus seinen eigenen Erfahrungen. Das ist ein großer Verdienst.
Negativ aufstoßen wird vielen Lesern, dass Stefan Michael Bar auch
nach seinem Ausstieg seine kritische Distanz zu Institutionen der “wehrhaften
Demokratie” nicht abgelegt hat. Zum Ve r f a s s u n g s s c h u
t z schreibt er: “Denen geht’s nicht um die Person desjenigen, den
sie anquatschen, auch wenn sie das heucheln, das ist reine Psychologie,
Verarschung, die wollen Infos.” Genauso kritisch geht Bahr auch auf Distanz
zu seriösen Ausstiegsorganisationen wie Exit, die einigen früheren
Mitstreitern Bars bei der Job-Suche geholfen hat sowie im Stillen telefonische
Beratung von Familienangehörigen organisiert. Und selbst das Ausstiegsprogramm
des Verfassungsschutzes hat Neonazis geholfen, dass sie einen neuen Anfang
wagen konnten. Dass Stefan Michael Bar in seiner Biographie an diesen Konzepten
so deutliche Kritik findet, begründet jedoch keinen Zweifel an der
Ernsthaftigkeit seines Ausstiegs, sondern dokumentiert seine ureigene und
authentische Position. Um so verlogener wirken auf mich Medienkollegen,
die Bars Ausstiegsbekundungen seit dem Verlassen der Szene mit Gerüchten
torpedieren – wohl aus Angst um eigene Storys von Morgen. Um so ehrlicher
wirkt auf mich sein Bekenntnis: “Sicherlich bin ich nicht ausgestiegen,
um irgendwem zu gefallen oder weil ich mir Vorteile versprochen habe. Das
wäre arm. Ich allein habe diese Entscheidung getroffen und ich weiß,
wie schmerzhaft die Zeit als Neonazi war und wie schwierig es ist, sich
loszusagen. Das hat mir keiner abgenommen, da bin ich ganz alleine durch.
Es war der Hass, die Menschenfeindlichkeit, die auch ich propagiert habe,
die Kälte der Weltanschauung.” Stefan Michael Bars individueller Ausstieg
und seine intimen Kenntnisse der Szene machen das Buch zu einem Zeitdokument,
das es wert ist, genau gelesen zu werden. |
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